Teil 4 · Statistische Inferenz und medizinische Statistik
Übungen
20 · Konkurrierende Risiken und zeitabhängige Cox-Modelle
Übung 1: Immortal Time Bias erkennen (Methoden-Kritik)
Lies den folgenden Auszug aus einer fiktiven klinischen Publikation:
„Wir untersuchten retrospektiv, ob der Einsatz von extrakorporaler Membranoxygenierung (ECMO) bei Patient:innen mit schwerem ARDS das 30-Tage-Überleben verbessert. Alle Patient:innen, die im Verlauf ihres Intensivaufenthalts eine ECMO erhielten, wurden der ECMO-Gruppe zugeordnet (N=45). Alle anderen bildeten die Kontrollgruppe (N=150). Die Zeitmessung startete am Tag der ICU-Aufnahme.“
- Welcher methodische Fehler liegt hier vor?
- Warum führt dieser Fehler wahrscheinlich zu einer massiven Überschätzung der ECMO-Wirksamkeit?
- Wie könnte man diesen Fehler mathematisch korrigieren?
Übung 2: Daten ins Start-Stop-Format überführen (Konzept)
Ein:e Patient:in (ID 42) wird an Tag 0 auf die Intensivstation aufgenommen.
- An Tag 4 wird eine Lungenentzündung (Pneumonie) diagnostiziert.
- An Tag 10 verstirbt der/die Patient:in. Du willst den Einfluss der Pneumonie (als zeitabhängige Kovariate) auf die Mortalität analysieren.
- Erstelle die Tabellenzeilen für Patient:in 42 im Start-Stop-Format.
- Welche Spalten sind zwingend erforderlich?
Übung 3: 1−KM vs. CIF von Hand berechnen
In einer kleinen Intensivkohorte von 20 Patient:innen konkurrieren zwei Ereignisse: Tod im Krankenhaus (Zielereignis) und lebende Entlassung (Konkurrenzereignis). Am Tag 5 endet die Beobachtung (administrative Zensierung). Die Ereignisse verteilen sich wie folgt:
| Tag | Risikoset nⱼ | Todesfälle | Entlassungen |
|---|---|---|---|
| 1 | 20 | 2 | 0 |
| 2 | 18 | 0 | 4 |
| 3 | 14 | 2 | 0 |
| 4 | 12 | 0 | 6 |
| 5 | 6 | 1 | 0 |
(Nach Tag 5 sind die verbleibenden 5 Patient:innen zensiert.)
- Berechne das naive 1−Kaplan-Meier-Sterberisiko an Tag 5, indem du Entlassungen als Zensierungen behandelst (KM nur über die Todes-Zeitpunkte).
- Berechne die korrekte Cumulative Incidence Function (CIF) für den Tod an Tag 5 nach Aalen-Johansen:
CIF(t) = Σ S(tⱼ₋₁) · (d_Tod,ⱼ / nⱼ), wobeiSdie Gesamtüberlebensfunktion ist (jedes Ereignis – Tod oder Entlassung – zählt). - Vergleiche beide Werte. Warum überschätzt das naive 1−KM?
Übung 4: Warum sich konkurrierende CIFs korrekt zu 1 addieren
Am Ende der 30-tägigen Beobachtung teilt sich die Kurskohorte (500 Patient:innen) in drei sich ausschließende Endzustände: 78 verstorben, 315 lebend entlassen, 107 an Tag 30 noch im Krankenhaus (administrativ zensiert). Da vor Tag 30 keine Zensierung auftritt, sind die CIF-Werte an Tag 30 einfach die beobachteten Anteile.
- Berechne
CIF_Tod(30),CIF_Entlassung(30)und den Anteil noch im Krankenhaus (S(30)). Zeige, dass sie sich zu 1 addieren. - Ein:e Kolleg:in berechnet stattdessen 1−KM getrennt für Tod (27,7 %) und für Entlassung (jeweils das andere Ereignis als Zensierung). Warum können diese beiden Zahlen zusammen die Grenze von 100 % sprengen, während die CIFs es nie tun?
- Welche Zahl gibst du einer/einem Ärzt:in auf die Frage „Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese Patientin binnen 30 Tagen im Krankenhaus verstirbt?"