Data Science · Klinik Klinische Datenanalyse & Machine Learning
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Teil 4 – Statistische Inferenz und medizinische Statistik

13 · Studiendesign und Fallzahlplanung

Dauer~90 min
VoraussetzungModule 10, 12 (Inferenz und Regression)
Lernziele
  • Eine klinische Frage in PICO/PECO, Endpunkt und Analyseplan übersetzen.
  • Power, Alpha, Effektgröße und Fallzahl praktisch berechnen.
  • Zwischen Power und Präzision unterscheiden.
  • Ereignisse pro Parameter bei Regressionsmodellen einschätzen.
  • Einen kurzen statistischen Analyseplan schreiben.
Auf dieser Seite

Klinischer Aufhänger

„Wir schauen mal, was signifikant ist“ ist kein Analyseplan. Eine gute Studie legt vorher fest: primäre Frage, Endpunkt, kleinster relevanter Unterschied, Hauptanalyse, Sensitivitätsanalysen und Umgang mit fehlenden Werten.

Dieses Modul zeigt, wie du vor der Analyse erkennst, ob deine Daten überhaupt eine realistische Antwort liefern können.

Abbildung: Statistische Power als Funktion der Stichprobengröße (N) pro Gruppe für unterschiedliche Effektgrößen. Die rote gestrichelte Linie markiert das angestrebte Power-Ziel von 80 %.
Abb. 1 · Statistische Power als Funktion der Stichprobengröße (N) pro Gruppe für unterschiedliche Effektgrößen. Die rote gestrichelte Linie markiert das angestrebte Power-Ziel von 80 %. · Code ansehen

1 Von Frage zu Analyseplan

Eine gute PICO/PECO-Frage hat:

Baustein Beispiel
Population stationäre Patient:innen mit Pneumonie
Exposure/Intervention erhöhte Laktatwerte bei Aufnahme
Comparator normale Laktatwerte
Outcome 30-Tage-Mortalität oder Verweildauer

Danach folgt der Analyseplan:

  1. Primärer Endpunkt.
  2. Primäre Methode.
  3. Effektmaß mit Konfidenzintervall.
  4. Vorab definierte Confounder.
  5. Fehlende-Werte-Strategie.
  6. Sensitivitätsanalysen.
Praxis

Ein Analyseplan darf kurz sein. Entscheidend ist, dass er vor dem Ergebnis steht.

2 Power ist kein Qualitätsstempel

Power ist die Wahrscheinlichkeit, einen Effekt zu entdecken, wenn er wirklich existiert. Häufiger Standard: 80 % Power bei α = 0,05.

Power hängt ab von:

  • Stichprobengröße.
  • Streuung.
  • Effektgröße.
  • Alpha.
  • Testart und Design.
Merksatz

Eine unterpowerte Studie kann einen echten Effekt übersehen. Eine übergroße Studie kann klinisch irrelevante Mini-Effekte signifikant machen.

3 Präzision statt nur Signifikanz

Oft ist die bessere Frage: Wie breit wird mein 95-%-KI sein? Für klinische Entscheidungen ist ein enger, interpretierbarer Bereich oft hilfreicher als ein p-Wert.

Beispiel: Die 30-Tage-Mortalität in der Kurskohorte liegt bei 15,6 % (78 von 500 Ereignissen); das 95-%-Wilson-Intervall reicht von 12,7 % bis 19,0 %, eine Spanne von über sechs Prozentpunkten, obwohl N = 500 nicht klein wirkt. Für seltene Ereignisse braucht man viele Patient:innen oder längere Beobachtung, um enger zu werden.

4 Ereignisse pro Parameter

Für logistische Regression ist nicht nur N relevant, sondern die Zahl der Ereignisse. Faustregel: 10–20 Ereignisse pro frei geschätztem Parameter.

Die Kurskohorte hat 500 Patient:innen und 78 Todesfälle (15,6 %). Mit 6 Parametern ergibt das EPV = 78 / 6 = 13, im akzeptablen Bereich. Ein Modell mit 12 Parametern läge bei EPV = 6,5, für kausale Interpretation schon dünn.

Fallstrick

One-hot-Encoding erzeugt zusätzliche Parameter. Eine Variable mit fünf Kategorien kostet vier Freiheitsgrade.

Für FortgeschritteneVertiefung

Moderne Shrinkage- oder penalized-Modelle können mit weniger Ereignissen stabiler sein, ersetzen aber keine schlechte Studienplanung.

Für FortgeschritteneVertiefung

EPV ≥ 10 ist eine grobe Screening-Faustregel, keine Fallzahlmethode. Riley, van Smeden et al. (2019) ersetzen sie durch eine kriterienbasierte Fallzahlberechnung: Statt einer festen Ereignisse-pro-Parameter-Zahl braucht man drei Vorgaben, einen angestrebten Shrinkage-Faktor (wie stark die Modellkoeffizienten zur Vermeidung von Overfitting geschrumpft werden dürfen), ein anzunehmendes Modell-R² und eine Obergrenze für den Optimismus in der scheinbaren (apparent) Modellgüte gegenüber der wahren, externen Performance. Aus diesen drei Größen ergibt sich die nötige Fallzahl, nicht aus einer festen EPV-Zahl.

5 In Python

Python
import pandas as pd
from statsmodels.stats.power import TTestIndPower
from statsmodels.stats.proportion import proportion_confint

df = pd.read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/kohorte.csv")

# Fallzahl je Gruppe für einen mittleren Effekt d=0.5
analysis = TTestIndPower()
n_per_group = analysis.solve_power(effect_size=0.5, alpha=0.05, power=0.8)
print(n_per_group)

# Präzision einer Mortalitätsrate
events = int(df["verstorben_30d"].sum())
n = len(df)
print(proportion_confint(events, n, alpha=0.05, method="wilson"))

# Events per variable
candidate_parameters = 6
print(events / candidate_parameters)

Das vollständige Skript liegt unter code/python.py.

6 In R

R
library(tidyverse)

df <- read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/kohorte.csv", show_col_types = FALSE)
power.t.test(delta = 0.5, sd = 1, sig.level = 0.05, power = 0.8,
             type = "two.sample", alternative = "two.sided")

events <- sum(df$verstorben_30d)
n <- nrow(df)
# correct = FALSE -> plain Wilson score interval (wie Python)
prop.test(events, n, correct = FALSE)$conf.int
events / 6

Fallstrick

„Wilson-KI" ist nicht gleich prop.test()-Standard. Pythons proportion_confint(method="wilson") liefert das reine Wilson-Score-Intervall (hier [0,127; 0,190]). R rechnet mit prop.test(...) standardmäßig correct = TRUE, also ein stetigkeitskorrigiertes Score-Intervall ([0,126; 0,191]) – ein anderes, etwas breiteres Intervall. Für dasselbe Wilson-KI wie Python correct = FALSE setzen. Dann stimmen beide Sprachen überein.

7 Minimaler Analyseplan

Ein guter Kurzplan:

Primärer Endpunkt ist 30-Tage-Mortalität. Primäre Analyse ist eine logistische Regression mit Laktat als kontinuierlichem Prädiktor, adjustiert für Alter, SOFA und Aufnahmegrund. Effektmaß ist die Odds Ratio pro 1 mmol/l Laktat mit 95-%-KI. Fehlende Laktatwerte werden in der Hauptanalyse multipel imputiert; Complete Case dient als Sensitivitätsanalyse.

Wann du Hilfe holst. Fallzahlplanung und die Festlegung des primären Endpunkts gehören vor Einschluss der ersten Patientin mit einer Biostatistikerin abgestimmt — eine unterpowert gelaufene Studie lässt sich nachträglich nicht mehr reparieren.

Fallstricke und Merksätze

  • Power nach dem Ergebnis ist meist wertlos. Nutze beobachtete Effekte nicht als nachträgliche Rechtfertigung.
  • Minimal relevante Differenz vorher festlegen. Sonst wird Signifikanz mit Relevanz verwechselt.
  • Für Regression zählen Ereignisse. N=500 klingt groß, 78 Ereignisse (EPV je nach Modellgröße) sind das eigentliche Limit.
  • Präzision lesen. Ein breites KI kann klinisch unbrauchbar sein, auch wenn p knapp signifikant ist.

Selbstcheck

Wenn der geplante Effekt wirklich existiert, entdeckt die Studie ihn in 80 % gleich geplanter Wiederholungen.
Weil bei binären Outcomes die Zahl der Ereignisse den Informationsgehalt begrenzt.
Endpunkt, Methode, Effektmaß, Confounder, fehlende Werte und Sensitivitätsanalyse.