Data Science · Klinik Klinische Datenanalyse & Machine Learning
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Teil 4 – Statistische Inferenz und medizinische Statistik

21 · Auswahl der passenden statistischen Methode

Dauer~85 min
VoraussetzungModule 09–10, 12 (Deskriptiv, Inferenz, Regression)
Lernziele
  • Aus klinischer Frage, Outcome, Gruppendesign und Messniveau die passende Methode ableiten.
  • Zwischen unabhängigen, gepaarten und wiederholten Messungen unterscheiden.
  • Parametrische Tests, robuste Alternativen und Regressionsmodelle sinnvoll wählen.
  • Effektgrößen und Konfidenzintervalle passend zum Test berichten.
  • Häufige Fehlentscheidungen vermeiden: Normalitätstest-Autopilot, Median-Mythos, p-Wert-Monokultur.
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Klinischer Aufhänger

Eine Kollegin fragt: „Welchen Test nehme ich?“ Die bessere Rückfrage lautet: „Was ist die klinische Frage, wie wurde gemessen, und welches Ergebnis wäre medizinisch relevant?“ Statistik beginnt nicht beim Test, sondern beim Design.

Dieses Modul ist die Entscheidungszentrale des Kurses. Es verbindet Table 1, Inferenz, Regression und klinische Berichterstattung.

1 Die vier Fragen vor jedem Test

  1. Was ist der Outcome? stetig, binär, ordinal, kategorial, Zeit bis Ereignis.
  2. Wie viele Gruppen? eine, zwei, mehr als zwei.
  3. Sind Beobachtungen unabhängig? unterschiedliche Patient:innen oder dieselben Patient:innen vor/nach Intervention?
  4. Ist die Fragestellung beschreibend, vergleichend, prädiktiv oder kausal?
Merksatz

Der Test folgt aus Frage und Design. Nicht aus dem p-Wert, den man gern hätte.

2 Wann welcher Test? Visualisierung der Verteilungen

Die Wahl des statistischen Tests hängt entscheidend von der Form und Struktur der Daten ab. Die folgenden Visualisierungen zeigen typische Datenkonstellationen und den jeweils passenden Test.

1. Unabhängiger Vergleich: Welch-t-Test vs. Mann-Whitney-U-Test

  • Welch-t-Test: Geeignet für symmetrische, glockenförmige (normalverteilte) Daten. Er vergleicht die Mittelwerte.
  • Mann-Whitney-U-Test: Geeignet für schiefe Verteilungen (z. B. Laktatwerte, Liegedauer) oder ordinale Skalen. Er vergleicht Rangsummen (stochastische Überlegenheit).
Abbildung: Vergleich der Datenverteilungen für den Welch-t-Test (symmetrisch, normalverteilt) und den Mann-Whitney-U-Test (schief, nicht-normalverteilt).
Abb. 1 · Vergleich der Datenverteilungen für den Welch-t-Test (symmetrisch, normalverteilt) und den Mann-Whitney-U-Test (schief, nicht-normalverteilt). · Code ansehen
Wichtig

Der Median-Mythos des Mann-Whitney-U-Tests
Oft wird gelehrt, der Mann-Whitney-U-Test sei ein reiner „Median-Vergleich“. Das stimmt nur unter der extrem starken (und klinisch seltenen) Annahme, dass die Verteilungen beider Gruppen exakt dieselbe Form haben (gleiche Varianz und Schiefe).
Haben die Gruppen unterschiedliche Formen, vergleicht der Test die stochastische Dominanz (die Wahrscheinlichkeit, dass ein zufälliger Wert aus Gruppe B größer ist als einer aus Gruppe A). Das führt dazu, dass der Test hochsignifikant (p < 0,001) ausfallen kann, obwohl die Mediane beider Gruppen exakt identisch sind!

Abbildung: Der Median-Mythos des Mann-Whitney-U-Tests. Beide Gruppen haben den exakt identischen Median von 3,50, aber die unterschiedliche Streuung und Form führt zu einem hochsignifikanten Mann-Whitney-U-Test (p < 0.001).
Abb. 2 · Der Median-Mythos des Mann-Whitney-U-Tests. Beide Gruppen haben den exakt identischen Median von 3,50, aber die unterschiedliche Streuung und Form führt zu einem hochsignifikanten Mann-Whitney-U-Test (p < 0.001). · Code ansehen

2. Gepaarter Vergleich (Vorher/Nachher): Gepaarter t-Test vs. Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test

  • Gepaarter t-Test: Wenn die Verteilung der Differenzen (Wert B - Wert A) symmetrisch und annähernd normalverteilt ist.
  • Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test: Wenn die Differenzen stark schief sind oder extreme Ausreißer aufweisen (z. B. CRP-Änderungen).
Abbildung: Vergleich der Differenzverteilungen für den gepaarten t-Test (symmetrisch) und den Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test (schief mit Ausreißern).
Abb. 3 · Vergleich der Differenzverteilungen für den gepaarten t-Test (symmetrisch) und den Wilcoxon-Vorzeichen-Rang-Test (schief mit Ausreißern). · Code ansehen

3. Mehrgruppeneffekt (≥ 3 Gruppen): ANOVA vs. Kruskal-Wallis-Test

  • ANOVA: Vergleicht die Mittelwerte von drei oder mehr unabhängigen Gruppen. Voraussetzung: Alle Gruppen sind normalverteilt und haben ähnliche Varianzen.
  • Kruskal-Wallis-Test: Die nicht-parametrische Alternative bei schiefen Gruppenverteilungen oder ordinalen Scores (z. B. SOFA-Score in 3 Patientengruppen).
Abbildung: Verteilungen für ANOVA (symmetrische Gruppen) und Kruskal-Wallis (schiefe Gruppen).
Abb. 4 · Verteilungen für ANOVA (symmetrische Gruppen) und Kruskal-Wallis (schiefe Gruppen). · Code ansehen

4. Kategorialer Vergleich (Häufigkeiten): Chi-Quadrat vs. Fisher's exakter Test

  • Chi-Quadrat-Test: Geeignet für den Vergleich von Häufigkeiten (2x2-Tabellen) bei großen Fallzahlen. Faustregel: Jede Zelle der Kreuztabelle enthält mindestens 5 erwartete Fälle.
  • Fisher's exakter Test: Exakte Berechnung der Wahrscheinlichkeiten bei kleinen Fallzahlen oder sehr seltenen Ereignissen (z. B. anaphylaktischer Schock in einer kleinen Studie).
Abbildung: Kontingenztabellen für den Chi-Quadrat-Test (große Fallzahlen in allen Zellen) und Fisher's exakten Test (sehr kleine Fallzahlen in den Ereigniszellen).
Abb. 5 · Kontingenztabellen für den Chi-Quadrat-Test (große Fallzahlen in allen Zellen) und Fisher's exakten Test (sehr kleine Fallzahlen in den Ereigniszellen). · Code ansehen

5. Zeit-bis-Ereignis (Überleben): Kaplan-Meier vs. Cox-Regression

  • Kaplan-Meier-Schätzer / Log-Rank-Test: Reine unadjustierte Beschreibung der Überlebenszeit zweier Gruppen.
  • Cox-Regression (Proportional Hazards): Erlaubt die Adjustierung für mehrere Einflussfaktoren (z. B. Alter, SOFA-Score) zur Berechnung einer bereinigten Hazard Ratio (HR).
Abbildung: Kaplan-Meier-Kurven (unbereinigt) vs. Cox-Regression Forest-Plot (für mehrere Kovariablen bereinigte Effekte).
Abb. 6 · Kaplan-Meier-Kurven (unbereinigt) vs. Cox-Regression Forest-Plot (für mehrere Kovariablen bereinigte Effekte). · Code ansehen

3 Entscheidungstabelle

Frage Typische Daten Standard Robuste Alternative Berichten
Mittelwert zweier unabhängiger Gruppen stetig, zwei Gruppen Welch-t-Test Mann-Whitney-U Differenz, 95-%-KI, Cohen's d oder Rang-r
Vorher/Nachher bei denselben Patient:innen gepaart stetig gepaarter t-Test Wilcoxon Signed-Rank mittlere/mediane Differenz, 95-%-KI
Mehr als zwei Gruppen stetig, >2 Gruppen ANOVA Kruskal-Wallis Gruppenmittel, η² oder ε², Post-hoc geplant
Zwei kategoriale Variablen 2x2 oder RxC Chi-Quadrat Fisher exakt bei kleinen Zellen OR/RR, Cramér's V, 95-%-KI
Stetiger Outcome mit Adjustierung stetig lineare Regression robuste SE / Transformation β, 95-%-KI, Residuencheck
Binärer Outcome mit Adjustierung ja/nein logistische Regression penalisiert bei seltenen Events OR, 95-%-KI, Kalibrierung
Zeit bis Ereignis Tage + Ereignisindikator Kaplan-Meier, Cox stratifiziert / zeitabhängig HR, absolute Risiken, PH-Prüfung
Praxis

Bei klinischen Daten ist Welch-t meist die bessere t-Test-Voreinstellung als Student-t, weil gleiche Varianzen selten garantiert sind.

Fallstrick

Mann-Whitney ist nicht automatisch ein „Median-Test”. Er testet stochastische Überlegenheit. Nur bei ähnlich geformten Verteilungen lässt er sich grob als Medianvergleich lesen.

Post-hoc nach dem Mehrgruppenvergleich: Ein signifikanter Gesamttest sagt nur, dass sich irgendwelche Gruppen unterscheiden, nicht welche. Nach signifikanter ANOVA ist Tukey HSD der Standard-Post-hoc-Test für paarweise Gruppenvergleiche. Nach signifikantem Kruskal-Wallis ist Dunn's Test mit Bonferroni- oder Holm-Korrektur die robuste Alternative. Paarweise Tests ohne Korrektur für multiples Testen inflationieren die familienweise Fehlerrate (Modul 10 zeigt Bonferroni und Benjamini-Hochberg im Detail).

4 Annahmen pragmatisch prüfen

Normalität wird oft überschätzt. Für den Welch-t-Test ist Normalität der Rohdaten weniger wichtig als viele denken; bei moderatem N ist er robust. Entscheidend sind starke Schiefe, Ausreißer, kleine Gruppen und die klinische Skala.

Prüfe:

  • Histogramm oder Boxplot.
  • Gruppengrößen und Ausreißer.
  • Ob Mittelwert oder Median die klinisch bessere Zusammenfassung ist.
  • Ob Adjustierung nötig ist. Dann ist ein Regressionsmodell ehrlicher als ein isolierter Test.
Für FortgeschritteneVertiefung

Bei kleinen Stichproben und unklarer Verteilung ist ein Permutationstest oft eine saubere Brücke: wenige Annahmen, gleiche klinische Frage, transparente Teststatistik.

5 In Python

Python
from scipy import stats
import numpy as np
import pandas as pd

cohort = pd.read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/kohorte.csv")
labs = pd.read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/labor.csv")
vitals = pd.read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/vitalwerte.csv")
df = cohort.merge(labs, on="patient_id", how="left")

# Unabhängige Gruppen: Laktat bei Sepsis vs. nicht Sepsis
sepsis = df.loc[df["aufnahmegrund"] == "Sepsis", "laktat_mmol_l"].dropna()
other = df.loc[df["aufnahmegrund"] != "Sepsis", "laktat_mmol_l"].dropna()
print(stats.ttest_ind(sepsis, other, equal_var=False))
print(stats.mannwhitneyu(sepsis, other, alternative="two-sided"))

# Gepaarte Messung: MAP Tag 0 vs. Tag 3 bei denselben Patient:innen
wide = vitals.pivot(index="patient_id", columns="tag", values="map_mmhg").dropna(subset=[0, 3])
print(stats.ttest_rel(wide[3], wide[0]))
print(stats.wilcoxon(wide[3], wide[0]))

# Kategorial: aktives Rauchen und 30-Tage-Mortalität
tab = pd.crosstab(df["raucherstatus"].eq("aktiv"), df["verstorben_30d"])
print(stats.chi2_contingency(tab, correction=False))
print(stats.fisher_exact(tab))

Das vollständige Skript liegt unter code/python.py.

6 In R

R
library(tidyverse)

cohort <- read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/kohorte.csv", show_col_types = FALSE)
labs <- read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/labor.csv", show_col_types = FALSE)
vitals <- read_csv("https://schradern.github.io/data-science-coach/data/vitalwerte.csv", show_col_types = FALSE)
df <- left_join(cohort, labs, by = "patient_id")

sepsis <- df |> filter(aufnahmegrund == "Sepsis") |> pull(laktat_mmol_l) |> na.omit()
other <- df |> filter(aufnahmegrund != "Sepsis") |> pull(laktat_mmol_l) |> na.omit()
t.test(sepsis, other, var.equal = FALSE)
wilcox.test(sepsis, other, exact = FALSE)

wide <- vitals |> select(patient_id, tag, map_mmhg) |> pivot_wider(names_from = tag, values_from = map_mmhg)
t.test(wide$`3`, wide$`0`, paired = TRUE)
wilcox.test(wide$`3`, wide$`0`, paired = TRUE, exact = FALSE)

tab <- table(aktiv = df$raucherstatus == "aktiv", tod = df$verstorben_30d)
chisq.test(tab, correct = FALSE)
fisher.test(tab)

7 Reportingsätze

Schreibe kurz, testbar und klinisch lesbar:

  • „Das Laktat war bei Sepsis höher; wegen Rechtsschiefe berichten wir Median/IQR und Mann-Whitney-U mit Rang-biserialem r.“
  • „Die MAP-Veränderung von Tag 0 zu Tag 3 wurde gepaart analysiert, da dieselben Patient:innen zweimal gemessen wurden.“
  • „Für Mortalität nutzen wir logistische Regression, weil Adjustierung für Confounder wie Alter klinisch zwingend ist (Mediatoren wie SOFA nur adjustieren, wenn der direkte statt der totale Effekt interessiert, siehe Modul 15).“

Wann du Hilfe holst. Wenn dein Design aus der Entscheidungstabelle herausfällt — etwa mehrfach genestete oder wiederholte Messungen, mehrere korrelierte Endpunkte oder ein gemischtes Outcome — dann ist die Tabelle am Ende und eine Statistikerin am Anfang: kläre die Methode, bevor du die Analyse rechnest.

Fallstricke und Merksätze

  • Nicht jeder Gruppenvergleich braucht sofort Regression. Aber jeder potenziell konfundierte Vergleich braucht zumindest die Frage danach.
  • Gepaarte Daten nie wie unabhängige Daten testen. Sonst verschwendest du Information und bekommst falsche Unsicherheit.
  • Normalitätstests ersetzen keine Grafik. Bei großem N werden harmlose Abweichungen signifikant.
  • Effekt zuerst, p danach. Ein statistisch signifikanter Mini-Effekt kann klinisch egal sein.

Selbstcheck

Mann-Whitney-U ist robust; Welch-t kann zusätzlich als Sensitivität dienen, wenn Mittelwertunterschiede klinisch interessieren.
Weil dieselben Patient:innen wiederholt gemessen wurden; die Messungen sind nicht unabhängig.
Wenn der klinische Vergleich durch Alter, Schweregrad oder andere Confounder verzerrt sein kann.